27.09.2011

Charles Dekeyser 23. Mai 1921 - 1. Juni 2011

Charles Dekeyser, am 23. Mai 1921 in Lille geboren, wird wenige Tage nach seinem 22. Geburtstag in das Konzentrationslager Flossenbürg deportiert. Auf seine Frage, was denn das Schild „Arbeit macht frei“ am Eingangstor bedeuten würde, deutet der Kapo nur in den Himmel und schnauzt ihn an „wenn Du da oben bist, dann bist Du frei“. Über ein Jahr wird Charles Dekeyser in Flossenbürg misshandelt, erniedrigt und gequält. Im Juni 1944 gelingt es ihm, sich zu einem Transport in das KZ Sachsenhausen zu melden. „Im Vergleich zu Flossenbürg das reinste Sanatorium“, wie er immer wieder betont.

Der junge Mann überlebt auch dieses Lager. Nach seiner Befreiung kehrt er in die belgische Heimat seiner Eltern zurück und baut sich als Spediteur ein neues Leben auf. „Maloche, Maloche, Maloche“ ist sein zentrales Lebensmotto. Mit ebensolcher Konsequenz weiß er sein Privatleben zu organisieren und zu genießen, Tennis ist seine Passion.

1995, anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung, kehrt er erstmals wieder nach Flossenbürg zurück. Seine zweite Frau Nelly und seine Tochter Solange begleiten ihn. Erst auf dieser Reise erfahren beide, dass Charles ein ehemaliger KZ Häftling ist. Diese Offenbarung ändert alles im Leben der Dekeysers. Die Erinnerung an das KZ Flossenbürg wird zu seiner zentralen Lebensaufgabe. Mehrmals im Jahr reist er an den Ort seiner größten menschlichen Erniedrigung, engagiert sich im wissenschaftlichen Beirat der Gedenkstätte, beteiligt sich an unzähligen Zeitzeugengengesprächen. Auch hierbei ist er unermüdlich. Angetrieben von seiner Überzeugung, dass von dieser Stätte ein Signal für eine friedliche und humane Welt ausgehen muss. Angetrieben von seinem Wunsch, auch die heutigen Einwohner von Flossenbürg einzubinden - und mit ihnen zu feiern.

Als im Juli 2007 die erste Dauerausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers Flossenbürg in der Gedenkstätte eröffnet wird, hat sich für Charles Dekeyser ein Lebensziel erfüllt. „Jetzt kann ich eigentlich sterben“ ist seine spontane Reaktion. Vor wenigen Wochen hat Charles Dekeyser mit seinen Lieben seinen 90. Geburtstag am Wolfgangsee gefeiert. In einem Monat wollten wir mit ihm in Flossenbürg ein großes Fest begehen. Dazu kommt es nun leider nicht mehr. Am 1. Juni ist Charles Dekeyser in seiner belgischen Heimat verstorben.

Dennoch wird vieles von ihm bleiben: in unseren Ausstellungen, Büchern und Filmen; in den Köpfen der vielen jungen Menschen, die ihn als Zeitzeuge erleben durften; in unser aller Herzen.

Jörg Skriebeleit

mit dem gesamten Team der Gedenkstätte