27.03.2009 · www.oberpfalznetz.de

Die Dienstnummer des Schreckens

Iwan Demjanjuk diente der SS ab 1943 auch im Konzentrationslager Flossenbürg als Scherge

Flossenbürg. (so) Von einem finsteren Kapitel deutscher Geschichte ist der Raum Floß-Flossenbürg (Landkreis Neustadt/WN) besonders betroffen - und wächst deshalb zunehmend in die Rolle eines weltweit leuchtenden Mahnmals gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinein. Jetzt wurde bekannt: Die Spuren des mutmaßlichen KZ-Schergen Iwan Demjanjuk führen ins ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg.

Der vor der Auslieferung von den USA nach Deutschland stehende Ukrainer, gegen den die Münchner Staatsanwaltschaft München I ein Ermittlungsverfahren betreibt und gegen den ein Münchner Haftrichter unlängst Haftbefehl erlassen hat, wird voraussichtlich noch 2009 vor dem Münchner Landgericht angeklagt - wegen Verdachts der Beihilfe zum Mord von 29 000 Juden im NS-Vernichtungslager Sobibor von März bis September 1943.

Zuletzt in Feldafing

Damit wird in Deutschland 64 Jahre nach Kriegsende vermutlich einer der letzten großen NS-Kriegsverbrecherprozesse über die Bühne gehen. Die Münchner Justiz ist für den 88-Jährigen, der Jahrzehnte in den USA lebte, auch deshalb zuständig, weil sich Demjanjuk nach dem Krieg einige Zeit im DP-Lager (Displaced Persons) in Feldafing bei München aufhielt. Außerdem, und hier beginnt eine wichtige Indizienkette für seine Identifizierung, diente er der SS von 1943 bis vermutlich 1945 als Wachmann im Konzentrationslager Flossenbürg.

LKA sucht Beweise

"Seit Monaten geht hier das Landeskriminalamt ein und aus", teilte uns hierzu Jörg Skriebeleit, der Flossenbürger KZ-Gedenkstättenleiter, mit. Denn es geht darum, ob der berühmte Sobibor-Dienstausweis von Demjanjuk, den er niemals besessen haben will, mit der Nummer 1393 tatsächlich jenes Dokument sein kann, das ihn überführt.

Gewehr mit Bajonett

Und hier laufen die Fäden in Flossenbürg zusammen: Demjanjuks Dienstnummer 1393 taucht in einer Überstellungsliste von 140 Männern aus dem Ausbildungslager Trawniki (bei Lublin) für "fremdländische Hilfswillige" nach Flossenbürg (1.10.43) auf. Im Waffenbuch des KZ-Flossenbürg ist vermerkt, dass "W Demianiuk am 8. Oktober 1943 ein Gewehr mit Bajonett erhielt. Schließlich gibt es einen Tagesbefehl vom 4. Oktober 1944, wonach "Demenjuk 1393" als Wachmann zum Kommando Bunkerbau in Flossenbürg eingeteilt wurde. Schließlich ist ein Wachmann "Demenjuk" mit Dienstnummer 1393 auch auf einer undatierten Liste mit den Namen von 117 ukrainischen Wachen im KZ Flossenbürg vermerkt. Diese und andere Belege für Demjanjuks Präsenz in Konzentrationslagern untersucht gegenwärtig das Bayerische Landeskriminalamt.

Die Geschichte des bis 1942 in der sowjetischen Armee dienenden Demjanjuk ist lang. Nach dem Krieg wanderte er in die USA aus und ließ sich mit seiner Familie in Ohio nieder. Im Zuge von Zeugenaussagen wurde er 1986 nach Israel ausgeliefert und dort als "Iwan der Schreckliche" aus dem Vernichtungslager Treblinka zum Tode verurteilt, nach sieben Jahren Haft aber wieder freigelassen und in die USA zurückgeschickt. 

Grund: Letzte Zweifel an seiner Identität konnten nicht ausgeräumt werden. Laut den Akten des russischen KGB hieß "Iwan der Schreckliche" tatsächlich Iwan Marchenko.

Ein Flosser leitet Ausschwitz

So bleibt abzuwarten, ob die Akte Demjanjuk in München geschlossen werden kann. Doch auch so hat der Raum Floß-Flossenbürg mit dem schrecklichen Erbe der NS-Zeit eine schwere Bürde zu tragen. Es gibt eine weitere Personalie, die längst im Orkus des Vergessens schlummert, aber aktenkundig ist: Der gelernte Konditor Richard Baer, geboren am 9. September 1911 in Floß, war der letzte Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.


27.03.2009 · www.oberpfalznetz.de

Warten auf „Iwan den Schrecklichen“

KZ-Gedenkstätte liefert wichtige Unterlagen zum angestrebten Prozess gegen Nazi-SchergenFlossenbürg. (nm) Den Namen „Iwan der Schreckliche“ bekam Iwan (John) Demjanjuk nicht von ungefähr. Dem knapp 89-Jährigen wird vorgeworfen, an der Ermordung von mindestens 29 000 Menschen - vorwiegend europäische Juden - im Vernichtungslager Sobibor (Polen) mit beteiligt gewesen zu sein. Kriminalpolizeiliche Ermittlungen laufen seit einiger Zeit auch in Flossenbürg, wo der SS-Wachmann rund eineinhalb Jahre im KZ eingesetzt war.

Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit kennt die Geschichte des Ukrainers genau. Demjanjuk kämpfte ursprünglich in der sowjetischen Armee und wurde von den Deutschen im Frühjahr 1942 gefangengenommen. Dann wechselte er die Fronten und kam zur Ausbildung als Wachmann in das Lager Trawniki. Die Trawniki-Männer waren wegen ihrer Brutalität und Grausamkeit berüchtigt. Nach den Einsätzen in Vernichtungslagern wurde "Iwan" von Oktober 1943 bis zum Kriegsende im KZ Flossenbürg der Wachmannschaft zugewiesen. 

Gedenkstättenmitarbeiter Ulrich Fritz hat die Spuren zusammengetragen. Die erfolgreiche Arbeit diente während der zurückliegenden Monate der Polizei als wichtige Informations- und Beweisquelle. Derzeit läuft ein Auslieferungsverfahren. Ob Demjanjuk allerdings tatsächlich von den USA nach Deutschland überstellt wird, ist noch nicht endgültig klar. Eine Rolle könnte der Gesundheitszustand des Greises spielen. 

Der SS-Scherge hatte nach Ende des Krieges wiederholt glückliche Umstände auf seiner Seite. Ihm gelang es, unerkannt unterzutauchen. Aber auch nach seiner Entdeckung passierte ihm nicht viel. Formaljuristisches spielte zu seinen Gunsten sogar nach einem Todesurteil in Israel eine entscheidende Rolle. Immer wieder ließen sich letzte Zweifel an der Identität nicht ausräumen.

Umso wichtiger schätzt Skriebeleit die in Flossenbürg von Fritz gesammelten Unterlagen ein: "Sie sind ein Beitrag dazu, Bedenken endgültig auszuräumen und den auf internationaler Ebene denkbar hochrangig eingeschätzten Prozess abwickeln zu können. Demjanjuk gehörte zu denen, die ihr grausames Handwerk perfekt beherrschten und es auch einsetzten. So musste sich die deutsche SS die Hände nicht schmutzig machen." 

Die Frage nach einer gerechten Bestrafung habe eigentlich der ehemalige KZ-Häftling Jack Terry beantwortet. Er konnte sich im KZ Flossenbürg zwar nicht an Demjanjuk persönlich erinnern, aber generell an die ukrainischen Wachmänner. Sie seien besonders grausam vorgegangen. Deshalb solle der Mann eingesperrt werden: "Und wenn es auch nur für einen Tag wäre."


21.03.2009 · www.oberpfalznetz.de

Lehrer als Multiplikatoren gewinnen

Länderübergreifendes Bildungsangebot der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg - Großes Interesse in Tschechien

Flossenbürg. (nm) Das Interesse steigt fast schon explosionsartig an, und die Anfragen häufen sich: Immer mehr Menschen aus Tschechien wollen mehr über die Geschichte des in Flossenbürg von 1938 bis 1945 existierenden Konzentratiosnlagers wissen. Zum Thema wird der Terror der Nazis nicht zuletzt auch in den Schulen des Nachbarlandes. 

Von Dienstag bis Freitag lief in der Gedenkstätte ein Seminar, an dem sich 29 Lehrer aus beiden Ländern beteiligten. Dr. Alexander Schmidt ging es darum, nicht nur Möglichkeiten deutsch-tschechischer Zusammenarbeit aufzuzeigen, sondern Multiplikatoren für die pädagogische Arbeit zu finden: "Beide Absichten ließen sich verwirklichen. Die Ergebnisse übertrafen die Erwartungen." 

Tatkräftige Unterstützung fand Schmidt bei der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, die durch Werner Karg und Dr. Robert Sigel vor Ort vertreten war. Darüber hinaus engagierten sich die Volkshochschule Weiden-Neustadt und das Weidener Augustinus-Gymnasium. Mehr über Details und Verlauf des Premierenprojektes wollte der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Karl Freller erfahren. Er schickte Kirsten Görres in die Grenzgemeinde. Eine wichtige Rolle spielte bei der Tagung die Tatsache, dass es in Tschechien zahlreiche Außenlager gab. Die Teilnehmer widmeten der Exkursion zu diesen Orten deshalb auch einen ganzen Tag. Interessant gestaltete sich der Vergleich zur Frage, wie der Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht beider Länder behandelt wird. Eine Führung durch die neue Ausstellung oder die Präsentation von didaktischen Materialien ergänzten den Ablauf. Schmidt zeigte sich abschließend zufrieden: "Bislang wussten auf tschechischer Seite viele Menschen gar nicht, dass in Flossenbürg eine Gedenkstätte existiert. Das Interesse nimmt aber außerordentlich stark zu. Wir reagieren darauf nicht nur mit dieser erstmals angebotenen Lehrerfortbildung, sondern genauso auch mit dem Informationsausbau in tschechischer Sprache."

19.12.2008 ·

Katalog zur Dauerausstellung erschienen

Ausgezeichnete Möglichkeit zur Vertiefung der Inhalte

Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945, Katalog zur ständigen Ausstellung

Am 23. April 1995 kamen mehrere hundert Überlebende anlässlich des 50. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg in die Oberpfalz. Von der Stätte ihres Leidens, an der so viele ihrer Schicksalsgenossen den Tod fanden, war kaum mehr etwas zu entdecken. Die folgenden Proteste bewirkten, dass ein Jahr später eine wissenschaftliche Dokumentationsstelle eingerichtet und eine grundlegende Neukonzeption der Gedenkstätte geplant wurde. 2007 konnte die Dauerausstellung auf dem neu erschlossenen Gedenkstättengelände eröffnet werden. Die Ausstellung, die im ehemaligen Wäschereigebäude untergebracht ist, zeigt die Geschichte des Konzentrationslagers von den Anfängen 1938 bis zu seiner Räumung 1945 anhand von historischen Dokumenten, (Überlebenden)zeugnissen und Gegenständen.
Dabei wird der Alltag der Häftlinge ebenso sichtbar gemacht wie die direkte Verantwortung der SS-Wachmannschaften. Im Mittelpunkt der Ausstellung werden 17 verschiedene Gruppen von Häftlingen dargestellt und das Schicksal einzelner Gefangener exemplarisch präsentiert. Außerdem wird die Ausdehnung des Lagerkomplexes mit fast 90 Außenlagern von Würzburg bis Prag und vom nördlichen Sachsen bis nach Niederbayern und die Verbindung des Lagers mit der ortsansässigen Wirtschaft gezeigt.
Der Katalog zeigt alle Texte, Exponate und Abbildungen der Ausstellung und bietet so eine ausgezeichnete Möglichkeit zur Vertiefung.

Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945
Katalog zur ständigen Ausstellung
Hg. von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
316 S., ca. 750, z. T. farb. Abb., engl. broschiert
€ 24,80 (D); € 25,50 (A); SFr 47,50
ISBN 978-3-8353-0435-2
Dezember 2008

Kontakt und Information:
Wallstein Verlag / Pressestelle
Monika Meffert
MMeffert@wallstein-verlag.de
Tel: +49 (0551) 54898 11


16.10.2008 ·

1000. Besuchergruppe in KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Interesse größer denn je / Vergessenes KZ in den Blick der Öffentlichkeit gerückt

Die 1000. Besuchergruppe des Jahres hat am Mittwoch die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg besichtigt. „So viele Gruppenführungen hatten wir noch nie“, sagte Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit bei der Begrüßung. Im Schnitt der letzten Jahre besuchten jeweils rund 800 Gruppen den Ort des ehemaligen Konzentrationslagers in der Oberpfalz. Skriebeleit führt das gewachsene Interesse vor allem auf die im Sommer 2007 neu eröffnete Dauerausstellung zurück. „Die Ausstellung und die damit einhergegangene Freilegung von Teilen des ehemaligen Lagergeländes haben unserer pädagogischen Arbeit großen Schub gegeben.“

Tief betroffen von den dargestellten Schicksalen der KZ-Häftlinge zeigten sich die Teilnehmer der 1000. Gruppe, einer neunten Klasse der Eichendorff-Hauptschule aus Erlangen. Für Klassenlehrer Matthias Bracher war es wichtig, dass seine Schüler über die Zeit des Nationalsozialismus nicht nur Fakten lernen, sondern an authentischen Orten Eindrücke sammeln. „Gerade die Jugendlichen an der Hauptschule sind praktisch orientiert, wir müssen ihnen etwas Konkretes anbieten. Das ehemalige Lagergelände und die Ausstellung eignen sich dafür perfekt“, so Bracher.

Dr. Alexander Schmidt, pädagogischer Leiter der Gedenkstätte, stellte das Ziel der Gedenkstättenarbeit heraus: „Wir freuen uns natürlich sehr über das gestiegene Interesse, wollen aber nicht allein Besucherrekorde aufstellen.“ Wichtig sei die fundierte Information der Besucher. Für Gruppenführungen hat die Gedenkstätte das Team der Rundgangsleiter um fünf auf nun 20 aufgestockt. Eine wichtige Stütze des Teams sind Lehrer verschiedener Schultypen, die vom Freistaat für die Arbeit freigestellt werden. Mit der Vergrößerung des Kreises steht der Gedenkstätte jetzt an jedem Vormittag mindestens einer der Lehrer zur Verfügung, um die zahlreichen Schulklassen angemessen betreuen zu können.

Neben den Gruppen steigen auch die Zahlen der Einzelbesucher in der Gedenkstätte, darunter viele aus europäischen Nachbarländern und in der Oberpfalz stationierte Soldaten der US-Armee. „Unsere Informationsbroschüren auf englisch waren deutlich schneller vergriffen, als wir angenommen hatten“, so Schmidt.

Jörg Skriebeleit zeigt sich mit der Entwicklung insgesamt sehr zufrieden. Zwar verzeichne Flossenbürg noch deutlich weniger Besucher als die KZ-Gedenkstätte Dachau. Das sei aber nicht verwunderlich, bedenke man die Lage des Ortes an der tschechischen Grenze und den späten Beginn der Gedenkstättenarbeit nach 1995. „Es gelingt immer mehr, das über Jahrzehnte vergessene Konzentrationslager Flossenbürg in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken“, sagte Skriebeleit.

Der Aufbau der Gedenkstätte geht weiter. Nach Freilegung von Teilen des Lagergeländes und der Ausstellung über die Geschichte des Lagers von 1938 bis 1945 soll ab 2010 eine weitere Ausstellung die Nachkriegsgeschichte des Lagers und des Ortes darstellen. Anfang des kommenden Jahrzehnts ist die Einrichtung eines pädagogischen Zentrums mit Seminar- und Vortragsräumen geplant.


· Bayern 2

Die Schatten der Vergangenheit - Wie eine Recherche ein Dorf mit einem NS-Verbrechen konfrontiert

„radioFeature Hörbild“ von Bayern 2

Ein amerikanischer Soldat fand 1945 in einem der SS-Häuser im soeben befreiten KZ Flossenbürg Fotos, die er als Souvenirs mit in die USA nahm und in ein Album klebte. Bei den Recherchen zur neuen Dauerausstellung in der KZ-Gedenkstätte kamen diese Aufnahmen aus den USA wieder zurück. Seit 2007 hängt diese Fotoserie nun in Flossenbürg. Die Fotos dokumentieren die Exekution eines polnischen Zwangsarbeiters durch ein Hinrichtungskommando des KZ Flossenbürg auf dem Land und sie sorgen in ganz Deutschland für Aufsehen, weil es sonst keine Fotos dieser Art gibt.

Thomas Muggenthaler begab sich auf Spurensuche und wurde fündig. Die Spur führt nach Michelsneukirchen, in ein beschauliches Dorf im Landkreis Cham. Hier wurde unter der Regie der Gestapo Regensburg am 19. April 1941 Julian Majka hingerichtet. Sein „Verbrechen“: Eine Liebesbeziehung mit einem deutschen Mädchen, das von ihm schwanger war.

Thomas Muggenthaler fand den Tatort und schaltete das Landeskriminalamt ein. Er suchte Zeitzeugen und musste feststellen, dass über den Tod von Julian Majka nicht gern geredet wird in Michelsneukirchen. Ein Thema ist der Tod des damals 28- jährigen allerdings in Polen. Dort lebt seine Tochter, die bereits auf der Welt war, als ihr Vater er nach Deutschland kam.

Den Podcast der Sendung finden Sie hier zum nachhören.


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