Erinnerung
Was erinnert nach der Befreiung an die Opfer des KZ Flossenbürg? Wie wird ihrer gedacht? Die Befreier der Konzentrationslager, ihrer Außenlager und der Todesmärsche sind mit unvorstellbaren Eindrücken von Verbrechen konfrontiert. Gräber, Leichen und völlig ausgemergelte Menschen prägen ihre Wahrnehmung. Die ersten Formen der Erinnerung an die Opfer sind daher Akte der Totenehrung. Die amerikanischen Einheiten lassen die aufgefundenen Leichname von der örtlichen Bevölkerung in würdigem Rahmen bestatten. Auch die Überlebenden ehren ihre toten Kameraden mit Gedenkfeiern und Denkmälern, nicht nur in Flossenbürg, sondern vor allem auch an den Routen der Todesmärsche, etwa in Neunburg vorm Wald.
Die Überreste der Lager spielen in diesen frühen Gedenkformen kaum eine Rolle. Nur das Krematorium wird als Denkmal betrachtet. Es ist der Ort massenhafter Leichenbeseitigung und erhält den Stellenwert eines stellvertretenden Grabmals. Für eine erste Gedenkstätte im »Tal des Todes« lässt ein Denkmalkomitee aus den Steinen von Wachtürmen eine Kapelle errichten. Die Erinnerung an die Opfer wird dort ausschließlich christlich interpretiert. Das gilt auch für viele KZ-Gräber in Bayern an Orten ehemaliger Außenlager und der Todesmärsche.
Die zuständige staatliche Schlösserverwaltung überführt die Opfer der Todesmärsche Ende der 1950er Jahre in einen eigens errichteten Friedhof in die Gedenkstätte Flossenbürg. Die Ästhetik der Anlage soll die Erinnerung an die Vergangenheit »mildern«. Auf dem Ehrenfriedhof werden die Toten zwar geehrt, über die Hintergründe ihres gewaltsamen Sterbens herrscht aber buchstäblich Friedhofsruhe.
Die Erinnerung an die Opfer des KZ Flossenbürg wird von wenigen Gruppen getragen und organisiert. Ab den 1950er Jahren besuchen vermehrt Gruppen aus dem Inland Flossenbürg, um an berühmte Vertreter des deutschen Widerstandes zu erinnern. An diese Protagonisten wird auch in anderer Form erinnert, etwa im Film über Canaris. Weitestgehend bleiben die Gedenkformen aber Rituale der Totenehrung.
Bauliche Überreste des ehemaligen Lagers werden erst seit Mitte der 1960er Jahre als schützenswert erachtet. Ab dieser Zeit löst auch der evangelische Pastor und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer die Militärs aus dem deutschen Widerstand als Flossenbürger Identifikationsfigur langsam ab.
Mitte der 1970er Jahre setzt eine breitere gesellschaftliche Debatte über das vergessene KZ Flossenbürg ein. Verschiedene gesellschaftliche und politische Gruppen kritisieren den verharmlosenden Parkcharakter der Gedenkstätte. Sie verbinden Erinnern und Gedenken nun mit der Forderung nach Lernen und Information am historischen Ort – nicht nur in Flossenbürg selbst, sondern auch an den bis dahin weitgehend unbekannten Orten der Außenlager.
Erst seit dem 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg entwickelt sich die Gedenkstätte zu einem historischen Museum, in dessen Arbeit ehemalige Häftlinge und ihre Angehörigen aktiv eingebunden sind. Die Überlassung teils sehr persönlicher Erinnerungsstücke verdeutlicht, wie sehr viele von ihnen die KZ-Haft in Flossenbürg als prägenden Teil ihrer Biographie auffassen. Der Name »Flossenbürg« hat sich unterdessen vom historischen Ort abgelöst und ist an Gedenkorten international zu finden.




