17.01.2019

Wir trauern um Venanzio Gibillini

28.11.1924 – 16.1.2019

Venanzio Gibillini mit Teilnehmern der internationalen Jugendbegegnung 2015. KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Heute haben wir erfahren, dass Venanzio Gibillini gestern im Alter von 94 Jahren verstorben ist. Die Nachricht erfüllt uns mit großer Trauer. Venanzio Gibillini wurde in Frankreich als Sohn eines italienischen Glasarbeiters geboren. Später zog die Familie nach Mailand. Im August 1943 wurde der junge Arbeiter zum italienischen Heer einberufen. Als die deutschen Truppen einen Monat später Italien überrollten, tauchte der Rekrut Gibillini als Zivilist unter. Anfang 1944 wurde er in seiner Heimatstadt aufgegriffen und vom deutschen Militärkommando zur Arbeit in einem Eisenbahndepot dienstverpflichtet. Dort verübten Mitglieder des Widerstandes mehrere Sabotageakte. Obwohl Venanzio Gibillini nicht aktiv beteiligt war, wurde er im Juli 1944 von italienischen Polizeikräften verhaftet. Sie übergaben ihn an die Deutschen. Anfang September wurde er mit 500 Italienern aus dem Durchgangslager Bozen nach Flossenbürg transportiert. Während der Zeit im Quarantäneblock haben sich die Bilder von Sterbenden und Toten des nebenan liegenden »Sterbeblocks« tief in das Gedächtnis des 19-Jährigen gegraben. Nach einem Monat suchte ein ziviler Ingenieur aus den Neuzugängen Männer mit technischen Fertigkeiten aus. Venanzio Gibillini musste nun in Kottern, einem Außenlager des KZ Dachau im Allgäu, Flugzeugteile der Firma Messerschmitt bearbeiten, später entlang von Bahngleisen Bombenschäden beseitigen. Auf dem Todesmarsch Ende April 1945 flohen die SS-Wachmänner bei Pfronten vor den amerikanischen Truppen – Venanzio Gibillini war frei.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat arbeitete er als technischer Facharbeiter, heiratete und wurde Vater eines Sohnes. Regelmäßig nahm er an den Treffen der Überlebenden in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg teil und sprach mit Schülern über seine Erlebnisse. Er tat dies aus dem Gefühl heraus, dass »die Erinnerung nicht mit den Zeugen sterben darf, bevor die von ihnen erzählte Wahrheit nicht definitiv ins historische Bewusstsein eingegangen ist«. Noch im vergangenen Jahr war Venanzio Gibillini in Flossenbürg, um an den Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestages der Befreiung teilzunehmen und mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seinen Angehörigen.

Dr. Jörg Skriebeleit und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg