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Wir trauern um Helga Pollak-Kinsky

28. Mai 1930 – 14. November 2020

Helga Pollak-Kinsky erblickt am 28. Mai 1930 in Wien das Licht der Welt. Sie stammt aus einer nicht religiösen jüdischen Familie. Ihr Vater Otto Pollak betreibt das Konzertcafé Palmhof, in dem viele bekannte Künstler der damaligen Zeit verkehren. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 schickt der Vater das Mädchen zu Verwandten ins südmährische Kyjov. Die Mutter Frieda emigriert Frühjahr 1939 ins Vereinigte Königreich. Ihre Tochter soll in einem der sogenannten Kindertransporte folgen, das Vorhaben scheitert jedoch. Nach der Schaffung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ werden auch dort die Rechte der jüdischen Bevölkerung systematisch eingeschränkt; Helga Pollak darf fortan keine Schule mehr besuchen. Zusammen mit ihrem Vater und anderen Verwandten wird sie im Januar 1943 ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Am Vorabend ihrer Deportation hatte Helga Pollak von ihrem Vater zwei Hefte bekommen, um darin ihre Eindrücke aufschreiben zu können. Im Ghetto muss sie getrennt von ihm in einem Kinderheim wohnen. Dort ist sie im Zimmer 28 untergebracht. Von den insgesamt 50 Mädchen, die im Laufe der Zeit in diesem Zimmer leben, überleben nur fünfzehn. Häufige Begegnungen mit ihrem Vater, heimlicher Unterricht sowie viele kulturelle Aktivitäten helfen dem Mädchen, das Ghetto mit seinen katastrophalen Zuständen zu überstehen. Im Oktober 1944 deportiert die SS Helga Pollak ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und von dort weiter ins Arbeitskommando Oederan, ein Außenlager des KZ Flossenbürg. Otto Pollak bleibt in Theresienstadt zurück und rettet das Ghetto-Tagebuch seiner Tochter. In Oederan muss die Vierzehnjährige bis zur Auflösung des Lagers am 14. April 1945 zusammen mit anderen Frauen für die Auto Union Flakmunition produzieren. Das Kriegsende erlebt Helga Pollak in Theresienstadt, wo sie auch ihren Vater wiedertrifft. Zusammen gehen sie zurück nach Kyjov, um nach überlebenden Angehörigen zu suchen. Von den 60 Familienmitgliedern, die verschleppt wurden, kehrt jedoch nur eine Cousine zurück.

Helga Pollak zieht 1946 nach London zu ihrer Mutter, der Vater – die Eltern waren bereits seit den späten 30er Jahren geschieden – nach Wien. In London besucht sie ein College und lernt ihren späteren Ehemann kennen. Zusammen lebt das junge Paar in Thailand und Äthiopien, zieht jedoch 1957 nach Wien. Die Dokumentarfilmerin Zuzana Justman, ebenfalls Überlebende von Theresienstadt, erzählt Pollak-Kinskys Geschichte 1998 in dem Film „Voices of the Children“, der mit einem Emmy ausgezeichnet wird. Das Ghetto-Tagebuch Pollak-Kinskys erscheint 2014. Es war bereits 2004 die Grundlage für das Buch „Die Mädchen vom Zimmer 28“ von Hannelore Brenner-Wonschick. Helga Pollak-Kinsky spricht als Zeitzeugin vor zahlreichen Schulklassen. Für ihr Engagement wird sie unter anderem 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Helga Pollak-Kinsky besucht die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg 2015 anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung. Bei ihrem Besuch haben wir sie als herzliche und charmante Frau kennenlernen dürfen.

In diesen Stunden sind die Gedanken aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei ihren Angehörigen, denen unsere aufrichtige Anteilnahme gilt.

Prof. Dr. Jörg Skriebeleit und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Foto: Helga Pollak-Kinsky im Jahr 2015, KZ-Gedenkstätte Flossenbürg