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Wir trauern um Iryna Mychajliwna Schul (geb. Bjenko)

23. Juni 1918 – 8. Mai 2020

Iryna Mychajliwna Schul wird in eine ukrainische Familie im damals habsburgischen, später polnischen Przemyśl in Galizien geboren. Zweimal erlebt sie die Besatzung durch die Nationalsozialisten – 1939 im galizischen Lemberg und 1941 während eines Studienpraktikums in Kiew. Um dem Besatzungsterror der Deutschen in der ukrainischen Hauptstadt zu entgehen, kehrt Iryna Schul nach Przemyśl zurück. Dort arbeitet sie als Assistentin eines Buchhalters und engagiert sich im Untergrund, in der Ukrainischen Aufständischen Armee. Aus diesem Grund wird Iryna Schul verhaftet und im Lonzkyj-Gefängnis in Lemberg eingesperrt, von wo aus sie im Frühjahr 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt wird. Nach einigen Monaten überstellt die SS die junge Frau in das Außenlager Zwodau (Svatava) im Reichsgau Sudentenland, das seit dem 1. September 1944 durch das Konzentrationslager Flossenbürg verwaltet wird. Dort muss sie bis zu ihrer Befreiung am 7. Mai 1945 für ein Rüstungsunternehmen Zwangsarbeit leisten.

In ihrer Botschaft anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg äußert sich Frau Schul: „Für mich war die Befreiung in Zwodau die Erfüllung meiner kühnsten Träume. Endlich war der Krieg zu Ende, endlich durfte ich hoffen, bald zu meiner Familie zurückzukommen und mein Studium fortzusetzen. Ich durfte als freier Mensch und nicht mehr als Häftlingsnummer leben! Es war eine unermessliche Freude, frei zu sein!“

Trotzdem hat sie Angst, in die Heimat zurückzukehren, da ehemalige KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene bei der Einreise in die Sowjetunion die sogenannte „Filtration“ bestehen müssen. Deswegen verschweigt Iryna Schul ihre Lagerhaft und gibt an, während des Krieges als Buchhalterin in einem polnischen Dorf tätig gewesen zu sein. Sie heiratet 1947 den Bruder einer Freundin aus Lemberg. In der Ehe werden zwei Kinder geboren. Erst kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion entscheidet sie sich, ihre Geschichte, von der sogar ihre Kinder nichts wissen, zu erzählen.

Frau Schul reiste regelmäßig zu den Gedenkfeiern in die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück, kommt aber erst 2019, mit 100 Jahren, zum ersten Mal nach Flossenbürg, um am Gedenkakt zum 74. Jahrestag der Befreiung teilzunehmen und das ehemalige Außenlager Zwodau zu besuchen. Diesen Menschen voller Energie und Lebensfreude kennengelernt haben zu dürfen ist eine große Bereicherung für das ganze Gedenkstättenteam.

In diesen Stunden sind die Gedanken aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei ihren Angehörigen, denen unsere aufrichtige Anteilnahme gilt.

Dr. Jörg Skriebeleit und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg