Gedächtnisallee 5
D-92696 Flossenbürg

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Wir trauern um Johann Werner

5. Oktober 1939 bis 2. August 2022

Johann Werner, von allen John genannt, hatte 1978 als junger Mann gerade die Bürgermeisterwahl in Flossenbürg gewonnen. Eine der ersten Amtshandlungen des frischgewählten Gemeindeoberhauptes war die Betreuung einer Gruppe französischer Überlebender und Angehöriger des KZ Flossenbürg. „Warum muss ich das denn machen?“, war seine damalige Frage. Davon erzählte er später immer wieder verschmitzt lächelnd. Johann Werner, im Hauptberuf Polizeibeamter, erfuhr und erkannte innerhalb kürzester Zeit, dass er als Bürgermeister von Flossenbürg nicht nur für die fast 2.000 Bewohnerinnen und Bewohner des kleinen Ortes Verantwortung trug, sondern auch für tausende von Menschen auf der ganzen Welt, die der Ort und die Geschichte von Flossenbürg „bewohnt“.

Es wurde schon bald zu John Werners Lebensaufgabe, einen versöhnenden Ausgleich zwischen dem Ort und seinen Interessen sowie der historischen Verantwortung, die Flossenbürg durch die nationalsozialistischen Verbrechen aufgetragen ist, zu finden. Für diese epochale Aufgabe, an der viele andere an vielen anderen Orten gescheitert sind, brauchte es jemanden wie Johann Werner. Volksnah, christlich wertefundiert, klug, verbindlich, visionär, entscheidungsfreudig, überzeugend, aufrecht, tolerant und zutiefst menschlich. So gelang es ihm bereits in den 1980er Jahren, der Frühzeit der kritischen Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen in der Bundesrepublik, Misstrauen im Ort und Misstrauen von Seiten ehemaliger Häftlinge und ihrer Verbände abzubauen, womit er den Grundstein legte, um in Flossenbürg einen Erinnerungsort von internationaler Bedeutung zu schaffen. Ein Verdienst, das Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, besonders würdigt: „Herr Werner hat schon in den achtziger Jahren Entscheidendes erkannt und weit über die lokale Ebene hinaus als Bürgermeister wichtige Impulse in der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit gegeben.“

Johann Werner war ein Impulsgeber und ein Schrittmacher. Er hatte verstanden, dass „Flossenbürg“ für immer das Stigma eines schmerzlichen Symbols bleiben wird. Und, dass es dem Ort und seinem Oberhaupt aufgetragen ist – und zur Ehre gereicht – die Erinnerung an die im KZ Flossenbürg begangenen Verbrechen aktiv mitzugestalten:

Er war es, der seit seinem Amtsantritt 1978 unzählige Besuchergruppen, Delegationen und politisch Verantwortliche durch die damals noch parkähnliche Grab- und Gedenkstätte führte. Er war es, der den Freistaat Bayern 1995 überzeugte, anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des KZ Flossenbürg erstmals einen staatlichen Gedenkakt in Flossenbürg abzuhalten. Er war es, der als „kleiner Dorfbürgermeister“ am 23. April 1995 Tausende in Flossenbürg und an den Bildschirmen mit seinen ehrlichen Worten zu Tränen rührte. Er war es, der ein Jahr später in der Gemeindeverwaltung ein erstes Informationsbüro für die KZ-Gedenkstätte einrichten ließ. Er war es, der nicht nur kraft seines Amtes, sondern kraft seiner Überzeugungen beharrlich für die Notwendigkeiten der Neukonzeption der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg kämpfte.

„Wir müssen die Leute zusammenbringen, um Ängste abzubauen und Brücken zu schlagen“, so sein Credo. Unter seiner Führung und dank seiner beharrlichen Initiativen hat sich Flossenbürg zu einem international beachteten Erinnerungsort entwickelt – und zu einem liebenswerten Dorf. Manche dieser Entwicklungen haben selbst ihn überrascht. „Wer hätte das gedacht?!“ so sein immer wieder artikuliertes freudiges Erstaunen. Sein Erstaunen über die eigene Courage, über die Entwicklung der Gedenkstätte in Flossenbürg, über die Entwicklung des Ortes und besonders auch über die Menschlichkeit der Begegnungen, die „Flossenbürg“ auslöst und zusammenbringt.

Aus dieser Verantwortung – und Freude – heraus gründete Johann Werner 1999 den „Förderverein für die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg“, dem er bis 2016 als Vorsitzender vorstand und den er ab 2017 als „Ehrenvorsitzender“ engagiert begleitete.

Johann Werner wird nicht nur im Ort Flossenbürg als tatkräftiger Gestalter in Erinnerung bleiben. Er ist weltweit ein herausragendes Symbol für den humanen und verantwortungsvollen Umgang mit den im eigenen Ort begangenen Menschheitsverbrechen. „Man erbt Geschichte immer als Ganzes“, so Johann Werner bei seiner Rede 1995 anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des KZ Flossenbürg.

Wir werden Dich vermissen, lieber John, und wir werden Dich niemals vergessen. Vielen Dank für alles!

In diesen Stunden sind unsere Gedanken bei seiner Frau, den Kindern und allen Angehörigen.

Jörg Skriebeleit und das Team der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg