Gedächtnisallee 5
D-92696 Flossenbürg

+49 9603-90390-0

Wir trauern um Julien Van den Driessche

29. November 1924 – 3. Juni 2021

Julien Van den Driessche wächst auf dem elterlichen Bauernhof in der Nähe der flämischen Kleinstadt Eeklo auf. Nach einer Ausbildung zum Schlosser findet er Arbeit als Mechaniker in einer Fabrik. Zusammen mit seinem älteren Bruder Michel beteiligt er sich nach der deutschen Besetzung Belgiens aktiv am Aufbau einer Widerstandsorganisation. Zwischen Dezember 1942 und April 1943 werden etliche Mitglieder dieser Gruppe verhaftet und verschleppt, unter ihnen auch die Brüder Julien und Michel. Gemeinsam sind sie bis September 1943 in Gent inhaftiert. Anschließend werden sie über Brüssel, Essen, Papenburg, das Arbeitslager Esterwegen ins Gefängnis Bayreuth verschleppt. Hier arbeitet Julien Van den Driessche in einer Schuhmacherei. Ab Anfang März 1945 sind die Brüder im KZ Flossenbürg inhaftiert. Hier werden die beiden im Flugzeugbau bei Messerschmitt eingesetzt. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen und die Überbelegung des Lagers in den letzten Kriegswochen setzen ihnen stark zu. Hilflos muss Julien mit ansehen, wie Michel an den Folgen der andauernden Entkräftung und Misshandlung zugrunde geht. Er stirbt am 7. April, nur wenige Tage bevor Julien Van den Driessche auf einem Todesmarsch im Bayerischen Wald befreit wird. Den Tod von Michel Van den Driessche, der während der gesamten Haft versuchte, seinen kleinen Bruder zu beschützen, kann Julien Van den Driessche zeitlebens nicht verarbeiten.

Bereits im Mai 1945 kehrt Julien Van den Driessche zu seiner Familie nach Belgien zurück. Erst nach zwei Jahren findet er wieder die Kraft, einem geregelten Berufsleben nachzugehen. Er arbeitet weiter als Mechaniker, muss dies aus gesundheitlichen Gründen jedoch 1975 vorzeitig aufgeben. Nach seiner Pensionierung dreht er einen Film über seinen Leidensweg, den er 20 Jahre lang an Schulen vorführt. Mehrmals nimmt er am Überlebendentreffen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg teil. Obwohl Julien Van den Driessche stets unter den Erlebnissen seiner Haftzeit litt, sucht er dennoch stets das Gespräch mit jüngeren Generationen, um seine Erfahrungen mit ihnen zu teilen.

Unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei Julien Van den Driessche und seinen Angehörigen, denen unsere aufrichtige Anteilnahme gilt.

Prof. Dr. Jörg Skriebeleit und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg


Foto: Julien Van den Driessche beim Treffen der Überlebenden im Jahr 2017, KZ-Gedenkstätte Flossenbürg