Gedächtnisallee 5
D-92696 Flossenbürg

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Erinnerungen - Erzählungen - Erwartungen

Heute existieren hunderttausende aufgenommene Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Keine Erzählung gleicht der anderen, auch wenn sie sich immer wieder ähneln. Die Zeugnisse sind gefärbt von den Erlebnissen der Sprechenden und folgen keiner zeitlichen Chronologie. Vielmehr handelt es sich um assoziative Verknüpfungen erinnerter Fragmente. Der Inhalt der Erzählung ist das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen den Interviewpartnern. Die erzählten Geschichten entwickeln ihre eigene Logik: mal folgen sie einem Erzählstrang, mal werden sie von unerwarteten, emotionalen Momenten gebrochen oder durch neues, sekundäres Wissen angereichert.

Die Ausstellung blickt auf den Video-Sammlungsbestand an Zeitzeugnissen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und zeigt exemplarisch, wie das Erlebte, die Erinnerung an den Nationalsozialismus, seine Verbrechen sowie dessen Vor- und Nachgeschichte erzählerisch unterschiedlichen Ausdruck findet.

"Weiterleben", Ruth Kogut (2013), Dauer: 1:19 min

In ihren Erzählungen beschränken sich die Überlebenden nicht nur auf die Zeit der Verfolgung, sondern berichten auch über ihr Leben nach 1945. Häufig sprechen sie über positive Erlebnisse wie berufliche Erfolge oder ihre Kinder und Enkelkinder. In ihnen kommt besonders bei jüdischen Überlebenden der Triumph des Überlebthabens zum Ausdruck, der im Gegensatz zum Vernichtungswillen der Nationalsozialisten steht. Aber auch Krisen, Rückschläge und andere als lebenseinschneidend empfundene Ereignisse finden Eingang in die Erzählung.

Ruth Kogut hilft das Mantra ihrer Mutter „tomorrow will be better“, die Zeit im Ghetto Litzmannstadt und verschiedenen Konzentrationslagern zu überstehen. Auch nach dem Krieg richtet sie ihren Blick nach vorne und spricht erst nach Jahrzehnten ausführlich von ihren Erfahrungen. Persönliche Krisen bewältigt sie in der Hoffnung, dass die Zukunft besser sein wird.

"Fragmente", Simon Ryger (1996), Dauer: 2:25 min

Die Erzählung erlebter Erinnerungen sind oft von Emotionen und traumatischen Erlebnissen geprägte Erinnerungsstücke, Fragmente. Der Sprechende sucht nach Worten und Sätzen, sich verständlich zu machen. Der Erzählstrang erschließt sich dem Zuhörenden oftmals nicht sofort, ist assoziativ gestaltet und folgt der eigenen subjektiven Logik des Zeitzeugen. Es besteht keine Routine im Aufbau des Erzählten.

Simon Ryger schildert die Situation, wie er und ein Freund für den Transport von Auschwitz-Birkenau nach Flossenbürg ausgewählt wurden. Es ist für ihn nicht einfach, Details dieser Situation zu erinnern. Die Interviewerin versucht durch ihre Nachfragen Klarheit zu schaffen. Es bleibt offen, ob die Fragen ihn verunsichern oder anregen, seine Erzählungen zu entwickeln.

"Profi", Max Glauben (2013), Dauer: 1:59 min

Die Schilderung der Erlebnisse, vor allem wenn sie mehr als 70 Jahre vergangen sind, bleibt vielfach ausschnitthaft und flüchtig. Für die Interviewten ist es essentiell, glaubhaft zu sein. Sie wollen mit ihren Erzählungen und Interviews überzeugen. Um immer wieder von den eigenen Erfahrungen berichten zu können, wird ein Netz von weiteren Erzählungen und historischem Wissen zusammengesetzt. Sie sehen sich nicht nur als Zeitzeugen, sondern auch als historische Experten.

Max Glauben reichert seine kindlichen Erlebnisse im Warschauer Ghetto immer wieder mit informativen Passagen an. Diese speisen sich aus seinem Wissen über die Geschichte der Verfolgung und Ermordung, das er erst viel später erworben hat. Als Zeitzeuge bestreitet er unermüdlich Gespräche mit Gruppen und Schulklassen. Für ihn ist es wichtig, viele Menschen zu erreichen und ihnen seine Erzählungen als Teil der Geschichte des Holocausts weiterzugeben.