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Die Geschichte der Zeitzeugenschaft

Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges wird begonnen, die Erinnerungen von Überlebenden zu sammeln und zu dokumentieren. Seitdem hat sich die Rolle der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie die Funktion ihrer Erzählungen stetig gewandelt. Heute sind sie aus der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch wegzudenken. Dies war jedoch nicht immer so.

Frühe Dokumentation

Fragebogen für Zeugengespräche, 1945; Emanuel Ringelblum Jüdisches Historisches Institut, Warschau


Die Anleitung für Interviews wird von der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission (ab 1947 Jüdisches Historisches Institut Warschau) herausgegeben. Holocaust-Überlebende gründen die Kommission 1944 in Lublin. Sie sammeln Zeugnisse von Überlebenden der Ghettos, der Konzentrations- und Vernichtungslager, aber auch Erinnerungen an die zerstörten jüdischen Gemeinden und Beweismaterial gegen NS-Täter*innen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, entstehen unter anderem ausführliche Anleitungen für den Umgang mit traumatisierten ehemaligen Häftlingen und Partisan*innen sowie mit Kindern und Jugendlichen.

Hunderte Überlebenden-Interviews werden zwischen 1944 und 1947 von der Historischen Jüdischen Kommission geführt. Sie münden in unzählige wissenschaftliche Arbeiten auf Jiddisch, Polnisch und Russisch. Erst seit Anfang der 1990er Jahre werden diese Forschungen international wahrgenommen.

Vom Tatzeugen zum Zeitzeugen

Zeugenaussage Yehiel Dinur, Jerusalem 7.6.1961; Yad Vashem, Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust, Jerusalem / Israel State Archives, Jerusalem

Adolf Eichmann steht 1961 vor den Augen der Weltöffentlichkeit in Jerusalem vor Gericht. Über den Prozess wird weltweit im Fernsehen berichtet. Im Gegensatz zu vorherigen Gerichtsverhandlungen, oder den ebenfalls in den 1960er Jahren stattfindenden Frankfurter Auschwitz Prozessen, stehen erstmals die individuellen Erlebnisse der Überlebenden im Mittelpunkt. Kaum einer der Zeuginnen und Zeugen ist Eichmann jedoch persönlich begegnet.

Damit wird die Rolle der ehemals Verfolgten neu definiert: Sie treten nicht mehr nur als Zeug*innen individueller Taten auf, sondern sollen vielmehr ein Bild vom Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik vermitteln. Und auch Täterschaft wird neu verstanden: Statt einer spezifischen Tathandlung führt Eichmanns Rolle als Planer des Massenmordes an den europäischen Jüdinnen und Juden zu seiner Verurteilung.

Am 68. Verhandlungstag tritt der israelische Schriftsteller Yehiel Dinur, der unter dem Pseudonym Ka-Tzetnik bekannt geworden ist, in den Zeugenstand. Dinur beschreibt in seiner Aussage den „Planet Auschwitz“ und spricht in der Rolle derer, die ermordet worden sind. Vielfach wird spekuliert, ob seine Zeugenaussage und der darauffolgende körperliche Zusammenbuch eine gezielte dramatische Inszenierung ist, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf die emotionale Belastung der Zeugen zu lenken – oder gar auf sein eigenes schriftstellerisches Schaffen.

Die zweite und dritte Generation

Art Spiegelman: Maus. A Survivor’s Tale. Chapter Seven (Erstveröffentlichung), in: RAW, No. 8, 1982; Ole Frahm, Frankfurt a.M.

Die Graphic Novel Maus von Art Spiegelman wird im Zeitraum von 1980 bis 1991 in einzelnen Episoden im Comicmagazin Raw publiziert und erzählt die Geschichte seines Vaters, einem Holocaust-Überlebenden. Spiegelman schildert jedoch nicht nur dessen Erlebnisse während des Holocaust, sondern verdeutlicht auch, mit welcher Bürde die Nachkommen der Überlebenden durch die Erzählungen der Eltern belastet wird.

In den 1980er Jahren beginnen die Kinder und Enkelkinder der Überlebenden sich kritisch mit dem Schicksal der Eltern und Großeltern auseinanderzusetzen. Im Rahmen dessen reflektieren sie auch ihre eigene Identität. Zudem markieren die Auseinandersetzungen das frühe Nachdenken über die Endlichkeit der Zeitzeugenschaft und die Frage, ob und wie dieses Erbe von den folgenden Generationen weitergetragen werden kann.

Erinnerungsboom

Schindlers Liste, Spielfilm von Steven Spielberg, 1993; Ronald Grant Archives / Mary Evans / picturedesk.com

Das Foto entsteht bei den Dreharbeiten zum Spielfilm Schindlers Liste in Polen und zeigt Steven Spielberg zusammen mit dem Schauspieler Liam Neeson, der im Film Oskar Schindler verkörpert. Als der Film 1993 veröffentlicht wird, löst er einen wahren „Erinnerungsboom“ aus. Unzählige Holocaust-Überlebende verfassen ihre Memoiren. In deren Folge entstehen wiederum zahlreiche Spielfilme, TV-Dokumentationen und Zeitzeugeninterviews.

Ein immer größeres Publikum erwartet immer mehr emotionale und authentische Überlebensgeschichten. Und auch die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nehmen diese neue, öffentliche Möglichkeit des Gehört-Werdens in Anspruch und betreten die Bühne. Sie sind die Protagonisten der Interviews, die unter anderem von der USC Shoah Foundation – finanziert aus den Einnahmen des Films Schindlers Liste – weltweit durchgeführt werden. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden zu gern gesehenen Gästen in Talk-Shows und anderen Fernsehformaten. Auch Opfergruppen, wie Sinti und Roma, Homosexuelle und Zwangsarbeiter*innen, für die es in den vier Jahrzehnten zuvor wenig oder keinen Raum gegeben hat, treten jetzt in die Öffentlichkeit.

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