Gedächtnisallee 5
D-92696 Flossenbürg

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Außenlager des KZ Flossenbürg und ihre Nachwirkungen

Tagung vom 26. bis 28. Oktober 2026

Call for Papers

Deadline: 15. Juli 2026 

Abstract: max. 1.500 Zeichen

Kontakt: und

Tagungsort: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Regensburg 

Zwischen 2005 und 2009 erschien die neunbändige Enzyklopädie Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Sie ist heute ein unverzichtbares und zentrales Nachschlagewerk zu den zahlreichen Standorten des KZ-Systems in Europa. Für neueste Forschungen, die „vergessene“ und vermeintlich unbekannte NS-Tatorte oder NS-Zwangslager in den Fokus rücken, gingen von der von Wolfgang Benz und Barbara Distel herausgegebenen Reihe grundlegende Impulse aus. Dies gilt insbesondere für die oftmals peripher gelegenen Orte der KZ-Außenlager. Zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung des vierten Bandes, der unter anderem schwerpunktartig dem Lagerkomplex Flossenbürg und seiner knapp 80 Außenlager gewidmet ist, ist es angebracht, erneut den Blick auf dessen weit verzweigtes Außenlagersystem zu richten, das sich zwischen 1943 und 1945 auf weite Teile Bayerns, Sachsens und die heutige Tschechische Republik erstreckte.

Das dezentrale System der Außenlager des KZ Flossenbürg war kleinteilig und in seinen Funktionen heterogen. Männliche und weibliche Gefangene mussten unterschiedlichste Formen von NS-Zwangsarbeit verrichten; sie wurden auf verschiedene Art und Weise in der Nähe von Arbeitsstätten untergebracht und versorgt; Existenzdauer und Größe variierten stark. Gleichzeitig entstanden die KZ-Außenlager oftmals inmitten von Städten und Gemeinden, womit das KZ-System im letzten Kriegsjahr zunehmend in den Alltag, das Bewusstsein und die Lebenswelt der deutschen Kriegsgesellschaft(en) hineinwirkte – in ländlichen wie auch urbanen Räumen. Interaktionen waren unvermeidbar. Die Gefangenen waren an Stätten der NS-Zwangsarbeit unterschiedlichsten Arbeits- und Existenzbedingungen ausgeliefert, als Tatorte von NS-Gewaltverbrechen waren sie in vielen Fällen auch die letzte Station ihrer teils mehrjährigen Verfolgungserfahrungen durch Gefängnisse, Ghettos und Lager im besetzten Europa. In den letzten Kriegsmonaten wurden die KZ-Außenlager Ziel- und Startpunkte von Todesmärschen und -transporten, die viele Gefangene nicht überlebten. Ihre Gräber entlang der Streckenverläufe gerieten in Vergessenheit, wurden aufgelöst oder blieben unbekannt.

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg lädt zu einer kritischen Neubewertung des Außenlager-Systems ein und möchte das teils fragmentarisch verstreute Wissen und die Ergebnisse von Forschungen der vergangenen zwanzig Jahre zusammenzuführen. Gewünscht sind nicht nur mikrohistorische Beiträge, die in einem Vortrag verschiedenste Standorte und Facetten des Lagerkomplexes Flossenbürg beleuchten. Mögliche inhaltliche Schwerpunkte können sich auf folgende Themen beziehen oder weitere Aspekte adressieren:

Nachbarschaft

KZ-Häftlinge waren an den jeweiligen Außenlagerstandorten sichtbar und wurden entgegen weitverbreiteter Mythen aus der Nachkriegszeit intensiv wahrgenommen. Welche Dynamiken bestanden zwischen KZ-Häftlingen, zivilen Arbeitskräften, weiteren Gruppen von Zwangsarbeiter:innen, Bewacher:innen oder der lokalen Zivilbevölkerung? Welche Folgen hatten die Kontakte und wie sind sie belegt, überliefert und erinnert?

Darüber hinaus waren lokale Strukturen notwendig, um die Existenz eines KZ-Außenlagers zu ermöglichen. Örtliche Versorger belieferten die Außenlager mit Gütern, SS-Wachmannschaften wurden in vorhandenen Unterkünften einquartiert, Behörden genehmigten Bauvorhaben oder waren an der Beseitigung der Toten beteiligt, die zum Teil bis heute auf kommunalen oder kirchlichen Friedhöfen ruhen. Gewünscht sind Beiträge, die am exemplarischen Beispiel die administrativen, sozialen und/oder ökonomischen Verflechtungen betrachten.

Täterschaft

Die wachsende Anzahl der Gefangenen und die Expansion der KZ-Außenlager bedingten sich im letzten Kriegsjahr gegenseitig. Parallel fand eine tiefgreifende Transformation der SS-Wachmannschaften statt, um den personellen Bedarf an Bewacher:innen decken zu können. Die Lager-SS war im letzten Kriegsjahr keine homogene Truppe, teils langjährig gediente SS-Männer trafen auf SS-Aufseherinnen, Wehrmachtssoldaten, „fremdvölkische Hilfswillige“ oder „volksdeutsche SS-Freiwillige“. Welche (Gewalt-)Erfahrungen brachten die neuen Gruppen ab 1943/44 in den KZ-Wachdienst mit? Wie wirkte sich die Vielfalt der Bewacher:innen auf die Truppe und den Wachdienst aus? Welche Auswirkungen hatten die personellen Veränderungen auf die Existenzbedingungen der KZ-Häftlinge und lassen sich Konflikte oder geschlechtsspezifische Merkmale beobachten?

In den KZ-Außenlagern wurden die Gefangenen zu unterschiedlichen Arbeiten gezwungen. Ziviles Personal koordinierte die NS-Zwangsarbeit in enger Abstimmung mit der SS. Beiträge, die den Begriff der Täterschaft ausweiten und u.a. die Schnittstellen zur NS-Kriegswirtschaft oder der lokalen Zivilbevölkerung ausloten, sind erwünscht. Wie wirkte sich beispielsweise der „Einsatz“ von KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie auf eine konkrete „Betriebsgemeinschaft“ aus? Führte die Arbeitsteilung zu Spannungen zwischen einem Unternehmen und der SS? An welchen NS-Verbrechen beteiligte sich ziviles Personal? Wurden die zivilen Täter:innen oder Angehörigen der SS nach 1945 strafrechtlich zur Verantwortung gezogen?

Nachwirkungen

Nach Kriegsende war ein einfaches Weiterleben für viele ehemalige Häftlinge nicht möglich. Die jahrelangen Erfahrungen der Ausgrenzung, Gefangenschaft und Zwangsarbeit hinterließen Spuren. Wie erging es den Häftlingen nach ihrer Befreiung? Welche Strategien entwickelten sie, um mit dem Erlebten umzugehen? Welche Rolle spielten speziell die KZ-Außenlager in individuellen Erinnerungen aber auch in Nachkriegsprozessen?

Auch für die Mehrheitsgesellschaft gab es keine vielbeschworene „Stunde Null“. In vielen Fällen befanden sich die KZ-Außenlager mitten im Ort, sichtbar für die lokale Bevölkerung. Wie ging sie mit den NS-Zwangs- und Tatorten um? Wie wurden die Lager nachgenutzt, verdrängt und überbaut? Wie unterschied sich der Umgang mit den Orten in der DDR, der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechoslowakei? Welche Narrative über die eigene (Nicht-)Beteiligung bildeten sich heraus? Wie ging die Gesellschaft mit den unzähligen Toten um? Wie und wer erinnerte – wenn überhaupt – an sie?

Erinnerung

So verschieden die Außenlager des KZ Flossenbürg waren, so unterschiedlich wurde und wird an sie erinnert. Während viele Orte in Vergessenheit gerieten, wurden andere nachgenutzt, überbaut, in einigen Fällen politisch instrumentalisiert.

Wir wollen einen Blick in die Zeit nach 1945 bis ins Heute werfen und fragen, welche Gedenk- und Erinnerungspraktiken „erfolgreich“ waren und sind. Welche Erinnerungsorte erreichen Menschen, regen Diskussionen und Austausch an? Inwieweit können Stadtgesellschaft(en) eingebunden werden? Welche Akteur:innen – von Politik über Unternehmen bis hin zur Zivilgesellschaft – spielten und spielen bei der Umsetzung lokaler Erinnerungsorte und -konzepte eine Rolle? Welche Herausforderungen bei der Betreuung und Erarbeitung von Gedenkorten und Bildungsprogrammen gibt es? Und wie werden Angehörige ehemaliger KZ-Häftlinge an Standorten früherer KZ-Außenlager betreut und eingebunden?

Wir würden uns freuen, wenn Sie Interesse hätten, mit einem 20-minütigen Impulsvortrag (deutsch/englisch) an dem interdisziplinären Workshop teilzunehmen. Die Tagung findet vom 26. Oktober 2026 bis zum 28. Oktober 2026 an der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und voraussichtlich in Regensburg statt. Der Workshop soll eine Exkursion beinhalten. Ihren Vorschlag senden Sie bitte als Abstract (max. 1.500 Zeichen) zusammen mit einem kurzen CV bis zum 15. Juli 2026 an Laura Lopez Mras und/oder Maximilian Schulz:

Kosten für Reise (Bahnfahrt, 2. Klasse), Unterkunft und Verpflegung werden übernommen. Eine Veröffentlichung der Beiträge in einem Sammelband wird angestrebt.