Gedächtnisallee 5
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Erinnerungen - Erzählungen - Erwartungen

Heute existieren hunderttausende aufgenommene Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Keine Erzählung gleicht der anderen, auch wenn sie sich immer wieder ähneln. Die Zeugnisse sind gefärbt von den Erlebnissen der Sprechenden und folgen keiner zeitlichen Chronologie. Vielmehr handelt es sich um assoziative Verknüpfungen erinnerter Fragmente. Der Inhalt der Erzählung ist das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen den Interviewpartnern. Die erzählten Geschichten entwickeln ihre eigene Logik: mal folgen sie einem Erzählstrang, mal werden sie von unerwarteten, emotionalen Momenten gebrochen oder durch neues, sekundäres Wissen angereichert.

Die Ausstellung blickt auf den Video-Sammlungsbestand an Zeitzeugnissen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und zeigt exemplarisch, wie das Erlebte, die Erinnerung an den Nationalsozialismus, seine Verbrechen sowie dessen Vor- und Nachgeschichte erzählerisch unterschiedlichen Ausdruck findet.

"Zeitabstände", Hana Malka (2009), Dauer: 3:02 min

Bereits kurz nach ihrer Befreiung beginnen einige Überlebende, Zeugnis abzulegen. Andere fangen erst nach Jahren an zu sprechen und manche schweigen bis heute. Ob und wann jemand für sich beschließt, seine Geschichte zu erzählen, hängt sowohl von individuellen Faktoren als auch gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Die Überlebenden, die heute noch berichten können, waren zur Zeit des Krieges Kinder oder Jugendliche. Häufig beginnen sie erst im Rentenalter zu reden. Ihre Erzählungen sind daher geprägt von Lebenserfahrung und beinhalten oft einen Auftrag an die nachfolgenden Generationen.

Hana Malka spricht Jahrzehnte nicht über Ihre Erlebnisse. Selbst ihre Kinder wissen nur sehr wenig. In ihrer Erzählung reflektiert sie sachlich über ihr langes Schweigen und die Gründe dafür, dieses am Ende ihres Lebens zu brechen. Als Zeitzeugin möchte sie erzählen, wie es war, damit vor allem junge Menschen ihr Erbe weitertragen und sich frühzeitig gegen Entwicklungen wehren, die zu Menschheitsverbrechen führen können.

"Erschütterung", Shelomo Selinger (2015), Dauer: 2:35 min

Auf beiden Seiten der Kamera gibt es Interessen und Prioritäten bezüglich der Inhalte, die angesprochen werden sollen. Dies führt unweigerlich zu Spannungen, wie viel Raum den Überlebenden für einzelne Themen gegeben wird. Demgegenüber wollen auch die Zeitzeugen selbst entscheiden, was sie in beschränkter Zeit für erzählenswert erachten und wie viel Raum sie für die Erzählung benötigen.

Shelomo Selinger wird gegen Ende des Interviews von seiner Ehefrau auf eine Episode aufmerksam gemacht, die er ihrer Meinung nach erzählen sollte. Die sieben Jahre andauernde Amnesie ist ein prägendes Ereignis in seinem Leben. Dennoch möchte der Interviewer dieses Thema wegen Zeitmangels auf wenige Sätze beschränken. Nachdem Selinger den Wunsch seiner Frau bedient, gelingt es ihm, seinen ursprünglichen Erzählpfad wiederaufzunehmen.

"Schlüsselerlebnisse", Charles Dekeyser (2007), Dauer: 1:17 min

Vor allem solche Ereignisse werden zu erzählter Erinnerung, die eine besondere persönliche Bedeutung für die Erzählenden haben und mitunter das weitere Leben prägen. Für Überlebende sind dies meist Momente, in denen sie selbst oder ihnen nahestehende Personen von Terror und Tod bedroht waren. Häufig bewirken solche Erschütterungen die Abkehr von gewohnten Haltungen und Perspektiven.

Charles Dekeyser erzählt tief bewegt, dass er mit ansehen musste, wie ein Freund auf dem Appellplatz gehängt wurde. Hilflos der Macht der SS ausgeliefert, bittet er in diesem Moment Gott darum, den Freund zu retten. Der willkürliche Terrorakt und der Verlust einer vertrauten Person haben zur Folge, dass Dekeyser sein Vertrauen in die Religion verliert.