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Newsletter 04/2026

Auf dieser Seite finden Sie alle längeren Beiträge, die für den Newsletter April 2026 erstellt wurden.

Im Zentrum stehen die Gefühle und Gedanken, aus denen heraus ehemalige Häftlinge des KZ Flossenbürg auf ihre eigene Befreiung zurückblicken.


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Schwellensituation Befreiung

„…und darum kann ich mit dem Wort Befreiung nichts anfangen“

Das Entdecken des Flossenbürger Stammlagers am 23. April 1945 durch Truppen der US-Armee dient heute als Referenzpunkt für die „Befreiung“ des Konzentrationslagers, an dem sich auch der jährliche Gedenkakt orientiert. Tatsächlich beginnt sich der Lagerkomplex mit seinem Stammlager und ca. 80 Außenlagern bereits ab Mitte April aufzulösen, als die SS Tausende von Häftlingen auf Todesmärsche treibt. Viele werden dabei ermordet, für andere verlängert sich dadurch der Leidensweg – das Flossenbürger Außenlager Leitmeritz ist beispielsweise noch am 8. Mai 1945 in den Händen der SS.

Emil Lešák, ein politisch verfolgter Tscheche, erlebt das Ankommen der US-Truppen im Stammlager: Voller Tatendrang ist er bereits dabei, einen Zeugnisbericht niederzuschreiben, und stürmt euphorisch seinen Befreiern entgegen. Anna Mettbach, eingangs zitiert, macht deutlich, dass das Ende der nationalsozialistischen Verfolgung nicht für alle ein tatsächliches Ende von Ausgrenzung und Verfolgung bedeutete. Sie berichtet von ihren Diskriminierungserfahrungen als Sintizze auch nach 1945.

Es gibt demnach nicht „die eine Befreiung“. Das Ende des KZ-Komplexes Flossenbürg war für jeden Häftling eine individuelle Erfahrung und von teilweise gegensätzlichen Empfindungen geprägt. Für viele Überlebende beginnt nach der Haft eine Zeit großer Ungewissheit. Krieg und Verfolgung zerstörten Heimat, Familien und soziale Umfelder. Im Folgenden soll sich anhand solcher Erfahrungen der „Schwellensituation Befreiung“ angenähert werden.

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Körperliche Entkräftung

Die meisten Häftlinge sind am Ende ihrer Lagerzeit in einem körperlich und seelisch derart schlechten Zustand, dass allein im Stammlager etwa 150 Menschen nach Ankunft der US-Armee sterben. Auch viele auf den Todesmärschen befreite Häftlinge sterben ausgehungert oder an Entkräftung. 

Dem Italiener Vittore Bocchetta gelingt die Flucht von einem Todesmarsch aus dem Außenlager Hersbruck. Ziellos und dem Hungertod nahe kann er sich bis zu einem Kriegsgefangenlager schleppen, vor dessen Toren er kollabiert. Die materiell besser aufgestellten britischen Internierten waschen den bewusstlosen Häftling und können ihn versorgen. 

Shelomo Selinger überlebt im Mai 1945 nur durch das eigenmächtige Handeln eines Rotarmisten. Der 16-Jährige, der als polnischer Jude verfolgt wurde, ist nach dem Todesmarsch aus einem Dresdner Außenlager körperlich so erschöpft, dass er im nun befreiten Theresienstadt bereits für tot gehalten und zu den Leichen gelegt wird. Der Soldat, der seine schwachen Lebenszeichen bemerkt, lässt Shelomo Selinger wohl unerlaubterweise in einem Militärkrankenhaus behandeln. 

Der Kampf ums Überleben setzte sich demnach auch nach der Befreiung fort, für viele in einer Situation vollkommener Hilflosigkeit und Abhängigkeit von anderen.

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Tatendrang und Freude

„Jetzt muss ich unterbrechen, die Befreier sind da!!!!!!“ So notiert der tschechische Journalist Emil Lešák in seinem Bericht die Ankunft der Amerikaner in Flossenbürg am 23. April 1945. Lešák hatte den Bericht am Vorabend begonnen und verfasst insgesamt zwanzig Seiten über seine Haft im Konzentrationslager Flossenbürg seit August 1942. Durch seine Deutschkenntnisse hatte er im Lager einen Funktionsposten, leichtere Arbeit und bessere Verpflegung erhalten. Demnach war er auch in einer besseren körperlichen Verfassung als andere befreite Häftlinge. Er wendet seine Ressourcen unmittelbar dafür auf, Zeugnis abzulegen. Bewusst schreibt er auf Deutsch, um eine Verwendung des Berichts als Beweismittel zu ermöglichen.

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Ungewissheit

Jack Terry, der noch Jakub Szabmacher heißt, als er im Stammlager befreit wird, beschreibt die Befreiung als traurigsten Tag seines Lebens. Sie zwingt ihn, sich mit seinem Weiterleben nach Kriegsende auseinanderzusetzen: er ist 15 Jahre alt, seine gesamte Familie von den Nationalsozialisten ermordet. Er ist allein. Was soll er jetzt tun? Die Welt ist eine andere: Grenzen haben sich verändert, Krieg und Terror der Nationalsozialisten haben Städte und Landstriche verwüstet, ganze Familien ausgelöscht, Hundertausende verschleppt. Für viele gibt es nichts mehr, wohin sie „zurück“ gehen könnten. Aus den ehemaligen KZ-Häftlingen werden sogenannte „DPs“ – Displaced Persons. Für sie werden erneut Lager eingerichtet, in denen sie teilweise noch jahrelang nach Kriegsende untergebracht sind. Auch am Standort des ehemaligen Flossenbürger Stammlagers entsteht 1947 ein solches DP-Camp.

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Spätfolgen

Kurz nach seiner Befreiung erleidet Shelomo Selinger eine Amnesie und kann sich 7 Jahre lang nicht an seine Lagererfahrungen erinnern – ein Schutzmechanismus des Körpers, um das Trauma zu verarbeiten. Später setzt er sich künstlerisch mit der KZ-Haft auseinander, wie auch Vittore Bocchetta. Das Trauma jedoch bleibt – ein Leben lang. 

Anna Mettbach, eine deutsche Sintezza, die den Todesmarsch vom Außenlager Wolkenburg nach Dachau überlebt, sagt deswegen „Das sind Bilder, die mich ständig begleiten. Und darum kann ich mit dem Wort Befreiung nichts anfangen. Es ist präsent. Nicht der Häftling wurde befreit, sondern das Lager vom Häftling.“